Allgäuer Anzeigeblatt, 'Pina wandelt sich in Licht', Februar 2012 / Sonnenalp Ofterschwang, Text: Klaus Schmidt








Ausstellung und Kunstprojekt „Haut aus Worten“ von Waltraud Funk 

für das Literaturhaus Allgäu in Immenstadt



Rede bei der Eröffnung am 1. August 2010 von Thomas Gehring, MdL 


Es macht Sinn, wenn man sich einen Politiker für das Thema Worte 
sucht 
Denn Politiker sind gut im Worte machen, sie müssen gut im 
Worte machen sein, denn Worte machen, ist das Geschäft von Politik. Eigentliche besteht die Kunst von Politik - die  ja als Politik die Aufgabe hat, gemeinsam über Ziele für gemeinschaftliches Handeln zu entscheiden - in der Reduktion alle der Worte auf ein Wortpaar und dann der Festlegung auf eines der beiden Worte: „ja oder nein“. Bauen wir die Umgehungsstraße? Ja oder nein.


 Aber vor diese Reduktion auf die kleinen Wörter stehen die vielen Wörter: wer überzeugen will, braucht gute Argumente und viele Worte. Wer überreden will, wird die Zahl der Wörter erhöhen. Wer nicht entscheiden kann oder will, redet mit vielen Wörtern darum herum. Wer beschimpft produziert leichtfertig Wörter, die er besser nicht gesagt hätte, die er aber nicht mehr zurückholen kann. Wer Wahlkampf macht, produziert Wörter am Fließband. Wörter die auf Manuskripten stehen, auf Sprechzetteln geschrieben sind oder auf dem Teleprompter vorbei laufen oder dem Redner bei Reden in den Sinn kommen,  frei nach Heinrich von Kleist: Über das allmähliche Verfertigen derWorte beim Reden.Wörter werden in einer regelrechten Wortmaschinerie von Spindoctors und Öffentlichkeitsarbeitern verfertigt, diese Wörter sind mittels wording zugerichtet und entsprechend einer Sprachregelung genormt , damit ja kein falsches Wort produziert und verbreitet wird. 


Denn auch das lehrt die Politik, wer ein falsches Wort zum falschen Zeitpunkt oder am falschen Ort sagt, ist schnell weg vom Fenster, deswegen, wer sich dagegen schützen will,  schweigt nicht etwa, sondern redet lieber wortreich um den heißen Brei herum. Die Wortproduktion ist unerschöpflich, denn Wortlosigkeit wird in unserer realen Kommunikationsgesellschaft noch schwerer verziehen, als das sich Vergreifen in der richtigen Wortwahl. Aber nicht nur in der Politik werden Worte als Massenware verbreitet.  Unsere ganze Welt erschlägt uns mit Worten - etwa in der Werbung. Die Medien transportieren die Worte in Endlosschleifen, aber auch in manchem Gespräch von Mitmenschen finden wir allzu wortreiches, bei dem man gar nicht weghören kann, aber dennoch den Inhalt sucht – insgesamt drängt sich manchmal der Eindruck auf: die Zahl der Worte steht in einem reziproken Verhältnis zum Inhalt, der ausgedrückt werden soll. An Worten scheint kein Mangel und alle, so scheint es,  gehen mit dem Wertstoff Wort verschwenderisch um.  Nur ein Beispiel noch: im Radio  und Fernsehen werden manche Neuigkeiten nicht mehr von einem Sprecher in gesetzten, wohl abgewägten und gezählten Worten als Nachricht gemeldet, sondern die Information wird, von möglichst mehreren Moderatoren, wortreich „verplaudert“ - wie das im Fachjargon heißt.Wie geht nun Waltraud Funk als Künstlerin damit um? Mit den allgegenwärtigen Wortkaskaden, der Wortflut, Wortfertigung, Wortmassenproduktion, Wortvermüllung?  Die Künstlerin reduziert.Sie hat Menschen gefragt: sag mir das eine Wort – dein wichtigstes Wort, der Begriff, der für dich am wichtigsten ist. Die Konzentration auf das Wesentliche, ist ein wichtiger Kunstgriff – gerade in der bildenden Kunst. Es geht darum, durch Reduktion zu einer Aussage finden, die in den vielen ausgesagten Worten verloren gegangen ist und nicht mehr zu finden ist. Was sind das für Worte, die von den angesprochenen Menschen genannt worden sind? Es sind übrigens ganz unterschiedliche Menschen: der Künstlerin bekannte, ihr unbekannte, stadtbekannte und anonyme, Ältere, Jüngere, Frauen, Männer, Kinder. Nur einige Beispiele: Unabhängigkeit, Handlung, Menschenwürde, Baden, Erleichterung, Selbstverwirklichung, Standfestigkeit, Ungeschützt, Auszeit, Gefühl, Freizeit, Loslassen, Unschuld, Liebe, Sex, Rebell, Anecken usw.Und dann hat die Künstlerin noch eine zweite Frage gestellt: wo in deinem Körper spürst du dieses für dich so wichtige Wort?  Mit welchem Teil deines Körpers verbindest du dieses Wort?  Und auf diese Körperstelle auf die Haut an dieser Stelle hat sie das Wort aufgeschrieben bzw. aufgestempelt.Auf dieses Stück Haut, das nun als Foto – als Kunstwerk von Haut und Wort – in einer Collage aus vielen Worteaufhaut Fotos abgebildet ist.Nichts ist uns so nahe wie die Haut – viel näher als Jacke und auch das Hemd.
 Wir können nicht aus unserer Haut, auch wenn wir gern aus der Haut herausfahren könnten oder wollten. Die Haut ist es, die uns zusammen hält uns und unser Innere bewahrt, sie ist zugleich die Schnittstelle von unserem Inneren nach außen. Als größtes Sinnesorgan gibt sie viele Informationen von außen nach innen:  ob es kalt ist oder warm und vor allem Informationen, die uns besonders emotional bewegen - über die Haut werden unsere Gefühle geweckt: durch streicheln, zärtliche Berührung spüren wir Geborgenheit oder Lust, aber auch durch Schläge oder Schnitte spüren wir Schmerz und Verletzung. Mit den Sprachbildern über Haut drücken wir gern Emotionalität oder elementare Gefühle aus:  „mit Haut und Haar verfallen“, „uns ist wohl in unserer Haut“ oder „uns ist gar nicht wohl in unserer Haut“. Und wenn „uns etwas unter die Haut geht“, dann hat es uns tatsächlich gepackt und berührt und wir können es nicht mehr verdrängen. Die Haut gibt aber nicht nur Informationen von außen nach innen, sondern auch von innen nach außen. Sie wird bleich, wenn wir Angst haben, sie rötet sich, wenn wir starke Gefühle haben, wenn wir uns schämen, oder auch lügen. Oder die Haut zeigt es, wenn wir auf etwas allergisch reagieren. Diese Reaktionen der Haut können wir nicht steuern. Deshalb ist die Haut „die ehrlichste Haut“, die es gibt.

Wenn wir unsere Haut zu Markte tragen – das kann heißen,  wir riskieren Kopf und Kragen oder es kann heißen (nach Karl Marx), wir prostituieren uns, nachdem man uns das letzte Hemd genommen hat – dann sagt das Sprichwort: dann geht es um unsere Existenz.
 Wenn man dann nun noch unsere Haut sieht, dann sind wir ganz nackt.
 Aber diese Bilder des Kunstwerkes von Waltraud Funk zeigen auch, dass man nicht viel Haut zeigen muss, um doch vieles über die Menschen, die in dieser Haut stecken, sagen zu können.  Die Haut sagt, wie es um uns steht, sie zeigt: Veränderung, unser Altern, unsere Vergänglichkeit, also das was zum Mensch sein dazu gehört,  aber auch unsere Verletzungen, die Narben und die Male, die das Leben hinterlassen hat, aber auch unsere ganze Vitalität und Einzigartigkeit.
 Mit diesen Wörtern auf Haut hat Waltraud Funk nun wiederum eine Haut aus Wörtern hergestellt und hier für diesen Ort konzipiert und hier an diesen Ort gehängt. Dieser Ort hier ist der Vorhof des Literaturhauses Allgäu. Ein Haus der Bücher und damit ein Haus der Wörter.  Es ist faszinierend, wie der menschliche Geist aus den 28 Buchstaben des Alphabets Wörter und Sätze von Wörtern gebildet hat und so eine Literatur entstanden ist, die hier gelagert ist und hoffentlich auch gelesen wird. Literatur aus Millionen von Wörtern.
 Und als Waltraud Funk über diesen Raum nachgedacht hat, in dem wir hier stehen, dieser Vorhof zum Literaturhaus, mit der Außenhaut des Gebäudes auf der eine Seite und den Innenhäuten des Hofes auf den anderen Seiten, hat sie sich nicht wohl gefühlt. Dieser Raum hat ihr nicht gepasst. Und wenn wir uns in einem Raum nicht wohl fühlen, dann geben wir diesem Raum oft eine neue Haut, wir nennen es dann etwa Tapete oder Wandteppich.
Und so hat auch Waldtraud  Funk diesem Raum eine neue Haut gegeben, eine Haut aus Häuten und Worten. Wort, das steht auch für Geist und Haut, steht für Körper  - man kann sagen: Haut und Worte machen den Menschen aus.
Sie sehen hier also eine Überhaut, ein tapetum humanum, einen Wandteppich der Menschlichkeit.
Schauen sie ihn sich an!
 Thomas Gehring 1.8.2010



Haut aus Worten_ Literaturhaus Immenstadt, Rede_Susan Funk, HfG Karlsruhe, 2010



Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Familie,

es freut mich, dass so viele von euch heute Abend hier im Innenhof des Literaturhauses zusammengekommen sind, um sich gemeinsam die Ausstellung Haut aus Worten von Waltraud Funk anzusehen.
Ich will nun als Tochter von Waltraud Funk ein paar einleitende Worte an euch richten und meine Eindrücke mit euch teilen.
Als Studentin der Kunstwissenschaft an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe bin ich zwar erst ein Neuling im Nachdenken über Kunst, jedoch versuche ich mein Bestes, um ein paar leitende Gedanken zu entwickeln und sie euch mit auf den Weg zu geben.
Erst vor zwei Wochen habe ich über den Philosophen und Kunstwissenschaftler Theodor Adorno referiert und gesehen, dass es nicht unbedingt ein Leichtes ist, mit Worten zu beschreiben, was Kunstwerke zu vermitteln versuchen. Unser Wortschatz ist nach Adorno zu ungenügend, um den wahren Gehalt der Kunstwerke zu erfassen. Es funktioniert lediglich eine interpretative Annäherung ans Gesehene, ans Gefühlte, da die Kernaussage der Kunstwerke im Augenblick des Versuches, diese mit Worten erfassen zu wollen, verloren geht. Adorno verdeutlicht dies mit dem Bild des Regenbogens, der verschwindet, wenn man ihm zu nahe kommt. Ich bin mir nun also nicht mehr so sicher, ob ich wirklich versuchen sollte, mit Worten zu erfassen, was es mit der "wahren" Bedeutung von Kunstwerken auf sich hat. Gibt es diese eine, einzige Botschaft überhaupt, die wir als kunstinteressiertes Publikum immer zu ergründen versuchen? Besonders bei moderner Kunst fühlen wir uns vor so manch aussichtslose Aufgabe gestellt. Wer kennt dieses Gefühl nicht?Dass man meint, man verstehe hier etwas nicht, wo es doch was zu verstehen gäbe. Es verunsichert, weil es neu ist, anders ist und gleich darauf wendet man sich ab.
   Aber eigentlich bedarf es nur einer kleinen Verschiebung der inneren Grenzen, ein kurzes
außer Achtlassen des abgesicherten Selbst- und Weltverständnisses, um sich auf das einlassen zu können, was man nicht eh schon zu wissen meint. Das sitzt anfänglich vermutlich so gut, wie eine heiß gewaschene Jeans ohne Weichspüler.
Natürlich muss nicht alles was uns weiterbringt, anfänglich quetschen und kratzen, jedoch würde es uns wohl auch sehr wundern, wenn Kunst uns plötzlich ganz bequem ins Konzept passt. Wenn sie den bestehenden Geschmack eins zu eins bestätigt. Vielleicht ist das alles für manche von euch ein alter Hut, dennoch liegt es mir sehr am Herzen den Wert der subjektiven Erfahrung vor dem Kunstwerk zu betonen. an unsere Gefühle, unsere spontanen Emotionen zu appellieren, ihnen so viel Vertrauen zu schenken, dass unser kategorisierender Verstand eventuell ein bisschen an Boden verliert. Sinnbildlich verkörpert jenen Gedanken die Skulptur aus Holz im Innenraum mit den Titel "sentio ergo sum" - ich empfinde also bin ich, nicht ich denke also bin ich.
Adorno spricht den Kunstwerken deswegen das höchste potential an Erkenntnisverbreitung zu: indem sie fern von jeglicher direkter, verbaler Artikulation kommunizieren, lassen sie all das zu, was der identifizierende, erklärende Verstand unterbindet.
Kunstwerke können nach Adorno das aussprechen, was Menschen versagt bleibt, sie kommunizieren nicht nur auf einer einzelnen Ebene, sondern mit allen Sinnen, Inhalten gleichzeitig.
Wenn ich nun anfangen würde über die Arbeiten von Waltraud Funk mit allen Inhalten gleichzeitig zu sprechen, wäre dies sicherlich ein ganz interessantes Unterfangen und sicherlich auch ganz witzig, es ginge jedoch am Sinn und Zweck dieser Ansprache vorbei. Letztendlich könnten wohl alle Worte der Welt nicht die Erfahrung beschreiben, die ein jeder von uns in der Begegnung mit Kunst macht.
Ihre Arbeiten sind vor allen Dingen eins: nicht auf eine einzige Bedeutungsebene zu reduzieren. Aus ihnen spricht wie aus einem großen Resonanzkörper eine Vielzahl aus Klängen, Stimmen, Höhen und Tiefen. Die dabei erzielte Melodie ist davor nicht absehbar, ziemlich sicher auch noch nie gehört. Was immer mitschwingt sind die eigenen Emotionen, die in der Betrachtung entstehen und das Thema maßgeblich beeinflussen. Wenn ich mir die Haut aus Worten  hinter euch ansehe, sehe ich dort nicht bloß verschiedene Wörter auf verschiedene Körperstellen  gestempelt. Es sind vor allem die Menschen dahinter, die man hinter Bauchfalten, Narben, Fußsohlen erahnen kann. Diese Menschen mit ihren ganz persönlichen Sehnsüchten und Bedürfnissen.
Bei mir persönlich hat Waltrauds Frage nach meinem wichtigsten Wort ein lange Auseinandersetzung mit mir selbst angestoßen. Mein Wort sollte das benennen, was mir am wichtigsten ist und durch die Aneinanderreihung von ein paar Buchstaben sogleich ganz konkret ins Leben gerufen werden. Einerseits soll das Wort Ausdruck meines Anspruchs an mich selbst sein und mir zugleich in der Fokussierung auf dieses Ziel Kraft geben. Ich konnte erst eine Woche später mit Bestimmheit, dass mein Wort Bestimmheit ist.
Und jetzt bin ich teil eines Patchworks aus Freunden und Fremden. Teil eines Querschnitts intimer Gefühle aus dem Umfeld der Künstlerin. Nicht mehr so allein in meiner ständigen Reflexion über mich und die Welt, die mich umgibt. Ich glaube und auch da bin ich wahrscheinlich nicht allein, dass man diese immense Energie, die von den Menschen hinter dieser Wand ausgeht, auch wenn man nicht Teil von ihr ist, sehr genau nachvollziehen kann.
Es wäre spannend zu ergründen und wie ich weiß, hat Waltraud Funk das auch vor, was für Worte an anderen Orten dieser Welt zu finden sind.
Im Gegensatz zum Abbild der Gemeinschaft hier draussen, bietet die Ausstellung im Innenraum eine Erzählung über den Einzelnen. Eine Erzählung, die als allgemein gültige Ausdrücke vergangener und wiederkehrender Konflikte mit sich selbst und der Umwelt gelesen werden könnten.
Waltraud Funks Arbeiten lassen sich stets auf eine intensive Diskussion ein, sie kommunizieren miteinander und ergänzen sich gegenseitig zu einem vollständigen Thema. Für mich ist dieses große Thema der Mensch, eingebunden in unterschiedlichste Sinnkosmen. Seien es Erwartungen, denen er genügen muss ("Kategorie") seien es einfache Freuden des Lebens ("Joy"), die er genießen darf oder sind es Verbindungen nicht von dieser Welt, die ihm sein nacktes Dasein vor Augen führt. "Herr, ich beuge mich deinem Willem 2. Versuch - 4. Versuch"
Stets ist der Mensch in Reibung mit der Welt, er ist im Verhältnis zum Du, er ist in der Begegnung, ist im Kontakt. Ich habe das Gefühl, Waltraud Funk ist auf der Suche nach dem Kern der menschlichen Existenz und ihre Arbeiten sind das Zeugnis dieser Suche. Sie forschen nach der Echtheit, der Wahrhaftigkeit unseres Menschseins und sind dabei unterwegs in den tiefsten Meeresgräben und schlammigsten Sümpfen unserer Erde. Stets auf Tuchfühlung mit dem Menschen - so, wie er eigentlich ist, sein sollte oder wollte.
Geht man nach dem Ausspruch Pestalozzis der im Hause Funk die Badezimmerwand ziert, so verstärkt man sich nicht in seinen Höhen, wenn man sich nicht in seinen Tiefen duldet. Für mich ist der Gehalt dieses Ausspruchs erst in der Erfahrung von Waltrauds Arbeiten wirklich greifbar geworden.
Manchmal könnte ein fragender Blick in den Spiegel natürlich schon genügen, um manch wichtige Dinge des Lebens zu erkennen; es ginge auch bedeutend schneller; Aber vielleicht ist es dann doch besser, die nächste Ausstellung von Waltraud Funk abzuwarten.