9.12.2014  mit freundlicher Genehmigung der AZ





kopfüber, offenes Atelier  8.9.Dez. 2012, Text: Susan Funk


Das Motiv des Kopfübers in der Kunstgeschichte ist kein neues. Spontan mögen einem die stürzenden Gestalten eines Georg Baselitz in den Sinn kommen. Aber auch schon zwei Jahrtausende früher begegnet uns der Mensch im Sturzflug und zwar mit Ikarus, dem Sohn des Daedalus, dessen Fluggestell, nur mit Wachs zusammengehalten wurde, unter der Sonne schmolz. Der fallende Ikarus wurde schon oft zum Gegenstand der Kunst. Beispielsweise von Pieter Bruegel dem Älteren, der in seinem Werk aus dem 16. Jahrhundert Ikarus eher zu einer tragischen Figur verkehrte, da dieser aus Übermut zu hoch flog und so seinen Absturz auch selbst zu verschulden hatte. Was von Ikarus in dem großformatigen Ölgemälde noch zu sehen ist, sind ein Paar Beine, die aus der Wasseroberfläche ragen. Das bäuerliche Leben auf dem Land dagegen nimmt seinen Lauf, ganz nach dem Motto: " Kein Pflug hält wegen eines Sterbenden an " (Ferrier). Oder auch der Sinnspruch: " Hochmut kommt vor dem Fall ", der das Thema am wortwörtlichen Schopfe packt.
Durch diese kleine Einstiegsepisode wird unser Blick bereits auf den moralischen Gehalt des Themas gelenkt. Der Mensch, ob schon gefallen oder umgekehrt ob gehängt oder freiwillig auf dem Kopfe stehend, ist außerhalb seines natürlichen Standpunktes. Natürlich heißt hier: mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehend. Ein Kopfüber bedeutet nicht nur für den auf dem Kopf Stehenden eine gewisse Handlungsunfähigkeit, auch bringt er die Orientierung des ihn betrachtenden Gegenübers in Unordnung. Schon bei Platon scheint eine gewisse Verwirrung durch, wenn er schreibt: " Wenn jemand den Kopf gegen den Boden stemmt und die Füße nach irgendeiner Richtung empor reckt, sowohl der in solchem Zustand sich Befindende als die Zuschauenden beide sich einbilden werden, was dem anderen zur Rechten ist, sei ihm zur Linken und umgekehrt ". In dieser Verwirrung wurzelt auch das Potential einer Umkehrung der Perspektive. Wenn die Welt auf dem Kopf steht, kann man die Welt von unten sehen. Man erhält die Möglichkeit, "unter die Motorhaube" (Krauss) der Welt zu blicken, sie in ihrer Konstruiertheit zu sehen, so als ob man für einen kurzen Moment aus der eigenen Rolle schlüpft und sich von außen zu sehen bekommt. Kinder sehen die Welt aufgrund ihrer Größe immer von unten aus. Sie beobachten die Welt der Erwachsenen aus einer anderen Perspektive. Aus einer Perspektive, an die wir uns vielleicht noch erinnern, sie jedoch nicht mehr ganz nachvollziehen können. Deswegen erscheint uns die Welt der Kinder auch manchmal als eine komplett Andere.
Die Atelierausstellung von Waltraud Funk am kommenden Wochenende steht ganz in dieser Tradition und stellt die Dinge auf den Kopf. Sie versucht, einen Perspektivwechsel zu schaffen, in dem wir als Betrachterin/Betrachter die verschiedenen Formen der Wahrnehmung erfahren können. Der Mensch, der kopfüber steht. Ob als Akrobat in Figur auf einem Arm stehend (2011), der in diesem Moment noch ein Ausdruck des Gelingens eines Balanceakts ist, jedoch auch schon im nächsten Moment das Gleichgewicht verlieren und wieder auf dem Boden landen könnte. Oder auch die Situation, die uns nur allzu vertraut erscheinen mag: Mit dem Kopf feststeckend, die Beine in der Luft, unfähig, von der Stelle zu kommen - insgesamt ein Gefühl des Kontrollverlusts, des Fallens, des Stürzend - wie möglicherweise bei der Figur Kopf in Erde. Doch gerade wenn der Kopf im Sand steckt, ist es fruchtbar sich zu erinnern, dass nichts unveränderlich, nichts statisch ist und die vermeintliche Stagnation wieder aufgelöst werden kann. Ob das kopfüber geschieht oder mit den Beinen auf dem Boden, bleibt einer/einem jeden selbst überlassen.
Im Atelier von Waltraud Funk sind am Wochenende ebenfalls zwei Kunststudenten zu Gast: Hasan Halilovic und Susan Funk. Hasan Halilovic gelingt es in seinen Zeichenarbeiten dem Betrachter eine innerliche Art der Um- und Verkehrung zu zeigen. Die Serie Dasselbe Selbst (2008-2011) legt verschiedene Selbstwahrnehmungen und -bilder des Künstlers offen und markiert durch sich wiederholende Momente gleichzeitig die Konstanten, die der Befragung des eigenen Ichs wiederum Grenzen setzen. Die Videoarbeit Haltung (2012) von Susan Funk versucht, die natürlichen Betrachter- bzw. Betrachtendenposition um zusätzliche Variationen zu erweitern und durch digitale Nachbearbeitung die Wahrnehmung des Betrachters zu schärfen.