Debütantenausstellung Waltraud Funk, Hofgartensaal Residenz Kempten / Text: Margaretha Krämer, Augsburg




Die Arbeiten von Waltraud Funk: es sind Zeichenarbeiten, plastische Arbeiten, Wandarbeiten und Installationen, entstanden aus dem Fluss der Gedanken, des Lebens, der Arbeit, Manifestationen, vielleicht Erinnerungsmale im Zeitlauf.
In den meisten ihrer Wandarbeiten und Installationen fällt den plastischen Objekten die dominante Rolle zu. Malerei, d.h. Farbe stellt den sinngebenden Kontext. Die Arbeiten auf Papier haben in ganz besonderem Maß den Charakter von Aufzeichnungen, was sich auch daran zeigt, dass sie als Sequenzen entstehen.
In der großen Wandarbeit Lebensrad von 1993 für die alte Schraderschule in Kaufbeuren vereint die Farbe: das Blau des Himmels unten, das Braun der Erde im oberen Drittel um die aus dem Zentrum strömende, undefinierte, aber vom quadratischen Umriss gehaltene Masse 12 kleine Objekte: Fundstücke, wie sie im Alltag der Künstlerin zur Hand waren, ausgewählt und z.T. überarbeitet als Symbole für Leben in seiner vielfältigen Polarität.
Die plastischen Arbeiten von Waltraud Funk stehen im Zentrum ihres Schaffens. Sie sind aus Holz gefügt oder geformt. Waltraud Funk hat zum Material Holz eine besondere Affinität. Ein Grund mag in seiner Beschaffenheit liegen: bei aller Wandlungsfähigkeit hat es eine eigene Struktur. Es besitzt einerseits Weichheit und Wärme des lebendig gewachsenen, andererseits hat es die kühle Elastizität eines technischen Werkstoffs. Beide Möglichkeiten kennt die Künstlerin und weiß sie einzusetzen.
Im Jahr 1989 entstand das etwa 1m große Objekt Frucht , eine massige Stülpform mit einer Höhlung im Innern, sodass sie auch wie ein Füllhorn wirkt. Es scheint, als sei sie lebendig bewegt. Vom weich geschwungenen Mündungsrand ausgehend, ergreift die Bewegung die ganze Form. Außen und Innen, Höhlung und Hülle antworten einander unmittelbar, und die farbige Fassung, außen und innen ein dunkles Blau, darauf unregelmässig gesetzte Goldkreise, bekräftigt diese Wirkung. Die aufrecht stehende Figur Wächter von 1993 ist dagegen von Spannung und Angespanntheit bestimmt. Spannung liegt im Verhältnis der konträren Materialien Metall und Holz, und in der Form, die sie hier haben: transparente Raumhaltigkeit in der Gitterform des Sockels, massive Geschlossenheit im Kopf. Dies mandelförmige Oberteil mit der feinbewegten, zipfelartigen Spitze erinnert in der Seitenansicht an ein großes Auge. An ihrem stumpfen Ende ist die plastische Form besetzt mit silbrigen Palmkätzchen. Sie sind die Sehzellen dieser Figur und sie haben die Aufgabe zu schauen, zu lesen in den gezeichneten Notaten auf der Gittertafel vor der die Figur steht. 30 flüchtige Skizzen sind wie Tagesnotizen eines Monats aneinandergereiht. Jedes Blatt trägt eine Zahl bis 31. Doch die Folge der Blätter ist gestört, sie entspricht nicht der Zahlenfolge. Das So Sein nennt Waltraud Funk die 1994 entstandene Figur aus kreideüberzogenem Holz. Ein ausgehöhlter Baumstamm ohne Wurzeln, ohne Fuß und ohne Haupt lehnt an der Wand als bleiche leere Hülse, die sich in ganzer Länge geöffnet hat. Der Einblick ins Innere zeigt nur die leere Form. Als korrespondierende Ergänzung, vielleicht als Erklärung sind Zeichnungen erotischer Symbole in bröckelig - vergänglichem, hellem pastosem Farbauftrag auf Pergament.
Das duale Sein neben die Figur gestellt.

Die drei Figuren Die Frucht, Der Wächter, Das So Sein sind durch Form, Format und Ausdruck Anspielung und Spiegelung der menschlichen Gestalt, der menschlichen Existenz. In ihnen stellen sich drei verschiedene Deutungsmodelle und Aspekte des Menschen dar: Leben als animalische Existenz, das ausschließlich mentale, intellektuelle Leben in seiner "kopflastigen" Existenz; unsere Existenz in ihrer Wurzellosigkeit und Leere: das Lebendige steht hier als Bild in der Zeichnung daneben. Neben diesen Figuren schuf Waltraud Funk eine Reihe von Kleinfiguren bzw. Objekten, ebenfalls aus Holz, gelegentlich mit Ergänzungen aus anderen Materialien. Unter diesen sei besonders hingewiesen auf die aufrechte Figur Crotalus; ihr ist eine Personalisierung und Monumentalität verliehen, die den hintergründigen Symbolcharakter der Schlange zum Ausdruck bringt.
Während Waltraud Funk für die großen Figuren den lebendig - weichen Charakter des Holzes hervorkehrt, ist die Holzbearbeitung der kleinformatigen Arbeiten objekthaft kühl und distanziert und zu dieser Wirkung trägt bei die Farbgebung in dunklen Nuancen von Grau und Braun und Schwarz. Nie kommt es so zu dem unangenehmen Eindruck reizvoller Verspieltheit beim kleinen Format.
Ihre Zeichnungen sind für Waltraud Funk Arbeiten von höchster Subjektivität, in ihnen bringt sie sich ganz unmittelbar zum Ausdruck. Dabei entstehen grundsätzlich Serien, als halbautomatische Aufzeichnungen mit ganz unterschiedlichen und auch ganz unkonventionellen Materialien und Techniken, wie Zahnpasta auf Backtrennpapier (Das duale Sein, 5 Bl.), Dosensprühfarbe und Tusche auf Seidenpapier (o.T., 15 Bl.), Leinöl und Schweißbrennerflamme auf Papier (nach Zeichnungen aus Knaurs Lexikon von 1933, 8 Bl.)
   Das lediglich oberflächlich routinierte Zeichnen schließt die Künstlerin für sich auf diese Weise aus und das Experimentieren mit der Technik bringt sie zu Ergebnissen, die in ihrer Direktheit und Kraft der Erfindung bisweilen atemberaubend sind.
Für alle Arbeiten von Waltraud Funk gilt, dass sie entstanden sind und wirken sollen im wechselvollen Fluss der Zeit und des Lebens.